Interview mit Luis Scheuermann

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Brasilien - Naturparadies am Scheideweg? Ein Interview mit Luis Scheuermann


Luis Scheuermann, Jahrgang 1970, Diplom-Biologe und Naturfotograf, reist seit zwei Jahrzehnten leidenschaftlich um den Globus. Kleine Expeditionen führten ihn bereits nach Ostafrika und Südamerika, unter anderem in die brasilianischen Gefilde, wo er auch mehrere Jahre lebte. Seine Bilder gewähren einen einmaligen Einblick in nahezu unberührte Lebensräume: die Araukarienwälder im Süden Brasiliens, entlegene Sumpflandschaften und die Tafelberge Amazoniens sind nur einige davon. ein Interview von Sinan Recber
 
 
 
Warum hat ausgerechnet Brasilien es Ihnen angetan? Das war eigentlich mehr oder weniger Zufall. Ich hatte eine Freundin besucht, die ein Freiwilliges Soziales Jahr in Nordost-Brasilien gemacht hat. Ich habe gleich eine Reise geplant, um das Land mal von anderen Facetten zu sehen. Das hat in Salvador angefangen und ich bin von dort aus ein paar Wochen durch das Land gereist. Dabei habe mich sofort in die Vielfalt, die Kultur, die Natur, die Wilde und die unberührten Gegend verliebt. Das hat mich nicht mehr losgelassen. Dann habe ich an der Universität einen Sprachkurs in Portugiesisch belegt und wollte immer wieder zurück. Das habe ich immer wieder gemacht und irgendwann auch beruflich geschafft.
Copyright: © Luis Scheuermann
Als Biologe habe sie ein besonderes Interesse für Insekten und vor allem für Spinnen entdeckt. Was ist das Faszinierende an ihnen? Gerade die Anpassungsfähigkeit bei Spinnen. Das sind echt faszinierende Lebewesen, die überall in allen möglichen Lebensräumen - sogar im Wasser - Zuhause sein können. Die Form-, Farb- und Artenvielfalt, die Spinnen aufweisen und ihre Strategien, Beute zu jagen, macht sie zu ausgesprochen interessanten Raubtieren. So haben sie sich seit Millionen von Jahren alle Lebensräume auf der Erde erobert und werden auch Millionen von Jahren nach uns, wenn wir den Planeten schon verlassen haben, auf der Erde wandeln.
Copyright: © Luis Scheuermann
Haben Sie die Zerstörung der natürlichen Lebensräume in Brasilien miterlebt? Ja, auf jeden Fall. Gerade in der Mata Atlântica, da sieht man allenthalben, wie nahezu täglich Wälder gerodet und Pinien- und Eukalyptusplantagen hingepflanzt werden. Auch im Cerrado ist zu sehen, dass Sojaplantagen praktisch ganze Landstriche zu langweiligen Agrarsteppen verwandeln. Brandrodung und große Rinderweiden sieht man ebenfalls in Amazonien, besonders wenn man mit dem Flugzeug über die Gebiete fliegt. Es ist durchaus keine einfache Aufgabe, dort Umweltschützer zu sein, weil es sehr starke wirtschaftliche Interessen gibt, diese Wälder in Weideland und Agrarsteppen zu verwandeln. Es ist bisweilen lebensgefährlich in Brasilien sich diesen Kräften - die sehr großen politischen Einfluss haben - entgegenzustellen.
Copyright: © Luis Scheuermann
Wer genau ist verantwortlich für die Zerstörung der Lebensräume? Das ist vor allem der agrarindustrielle Komplex - eine große, starke, politisch mächtige Agrarlobby - die auch im Parlament sitzt und dort die politischen Geschicke des Landes bestimmt. Sie arbeitet an der Gesetzgebung mit, hat einen großen Einfluss und superreiche Leute. Ihr Geld schaffen die Reichen hauptsächlich ins Ausland und tragen dem brasilianischen Staat und der Gesellschaft wenig bei, während ein Großteil der Bevölkerung in Armut leben muss und der Mittelstand immer mehr wegbricht. Das ist für die brasilianische Gesellschaft schwer auszuhalten.

Es ist bisweilen lebensgefährlich in Brasilien sich diesen Kräften - die sehr großen politischen Einfluss haben - entgegenzustellen.

Warum unternimmt die Regierung nichts dagegen? Weil die Regierung entweder von den reichen Großgrundbesitzern bestochen wird oder diese selber mit in der Regierung sitzen. Es gibt durchaus eine fortschrittliche Verfassung und soziale Gesetze, diese gelten aber nur für einen kleinen Teil der brasilianischen Bevölkerung. Der Rest lebt in einer Parallelwelt in Armut und hat keinen Zugang zu Bildung und zu Land, das sie bebauen könnten, um sich selbst zu ernähren, oder auch zu einer brauchbaren Infrastruktur.
Was können Greenpeace und andere Organisationen ihrer Meinung nach dagegen tun? Das, was sie schon immer getan haben: diese Missstände aufdecken. Mittlerweile ist die Welt globalisiert, jeder hat Zugriff auf Nachrichten - man kann solche Dinge veröffentlichen und Abnehmer von Produkten aus der Regenwaldrodung, beispielsweise Rindfleisch oder Soja, ankreiden. Man kann weiterhin auf die Abnehmer in aller Welt Druck ausüben und ihnen zeigen, dass sie einen großen Imageschaden davontragen, wenn sie mit der Abholzung weitermachen und auch in Zukunft illegal Tropenholz verkaufen. So kann man über den Konsumenten Druck ausüben. Greenpeace hat im Verbund mit anderen NGOs einen mächtigen Einfluss und kann die Missstände, die uns alle angehen und betreffen, aufzeigen. Das ist wichtig - es ist unsere Erde - und es gibt nur eine davon.
 
weitere Infos zum Fotografen und Eindrücke zu seinen Fotos findet man auch unter seiner Homepage: www.luisscheuermann.de